Dienstag, 15. Juni 2021
Dienstag, 8. Juni 2021

"Dann macht doch mit Eurem Schaluppa, was ihr wollt!"

NFV-Geschäftsführer Ralph Mothes muss heute über seinen Fauxpas von damals lächeln. Foto: )Archiv) Thomas Manthey

Von Eberhard Sowa/Thomas Manthey

Anekdoten aus dem Heiko-Wittig-Buch „Neunzig Minuten und mehr - Ein Schiedsrichter erzählt – Geschichten aus der Schiedsrichter-Kabine“

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Er gehörte mit zu den besten Fußball-Schiedsrichtern, die der Altkreis Delitzsch hervor gebracht hatte. Auch im Spielkreis Torgau hatte er sich ob seiner Übersicht, Objektivität und Umsicht und aufgrund seines Umgangs mit Spielern, Trainern, Funktionären und Fans einen guten Namen gemacht. Er wurde für seine Qualität geschätzt und war geachtet. Er übernahm Verantwortung und leitete auch brisante Spiele: Heiko Wittig aus Löbnitz. 

Auch nach Beendigung seiner aktiven Schiedsrichter-Laufbahn unterhält der Löbnitzer auch weiterhin gute Kontakte zu den Schiedsrichtern im Großraum Leipzig, Nordsachsen und zu den Damen und Herren Referees in der Region Torgau. Bei den regelmäßigen Treffen schwelgen die Teilnehmer in Erinnerungen. Alsbald kam den Schiedsrichter-Kumpels die Idee “Die Geschichten müssten mal alle in einem Buch zusammengefasst werden“. Gesagt, getan! Aus Erinnerungen seiner Schiedsrichterkollegen und seinen eigenen verfasste Heiko Wittig vor rund acht Jahren die Broschüre mit dem Titel „Neunzig Minuten und mehr – Ein Schiedsrichter erzählt“. Darin beschreibt der 54-Jährige Spielsituationen, Handlungen sowie Geschehnisse auf und neben dem Fußballplatz, so etwa wie die Story über den „Schaluppa-Kreis“. 

Die Idee einer Kreis-Zusammenlegung hatten die Schiedsrichter aus der nordsächsischen Region bereits sehr viel früher – im Jahr 2010. Sie waren quasi die Vordenker der Kreisreform.

Wie in jedem Spieljahr, treffen sich die Damen und Herren Landesliga- und der Bezirksliga-Schiedsrichter in der Winterpause zu einer zweitägige Halbjahrestagung an der Sportschule in Leipzig statt. Zwischen den beiden intensiven Beratungstagen geht es an dem gemeinsamen Abend feuchtfröhlich zu, wird auf das jährliche Wiedersehen gut mit diversen Getränken angestoßen. 

So saßen im Januar 1994 die Schiedsrichter der damals noch benachbarten Kreise Delitzsch- Eilenburg und Torgau- Oschatz gemütlich beisammen und debattierten über eine mögliche Kreisfusion. Man soll es kaum glauben, aber schon damals fiel unter anderem der Satz: Am besten ist es, wir werfen unsere beiden Kreise zusammen. Ihr in Delitzsch habt mit Michael Czupalla einen fußballverrückten Landrat und wir haben mit dem Schloss Hartenfels in Torgau den schönsten Sitz eines Landratsamtes in ganz Sachsen. Wenn das keine Weitsicht war! Michael Czupalla wurde Landrat von Nordsachsen und das Schloss Hartenfels in Torgau Sitz der Kreisverwaltung. Allerdings vertrugen sich die Torgauer zur damaligen Zeit, kurz nach der ersten Kreisreform (Torgau – Oschatz) im Jahre 1992, noch nicht sonderlich gut mit den Oschatzern, wie auch umgedreht. Immer wieder gab es Reibereien zwischen den „Preußen“ aus dem Altkreis Torgau und den „Südschweden“  beziehungsweise „Sachsen“ aus dem Altkreis Oschatz. Deshalb schlug der Dommitzscher Lothar Forstner in der bierseligen Runde vor, dass sich nur die drei Altkreise Delitzsch, Eilenburg und Torgau vereinen sollten. Der einzige Referee aus dem Altkreis Oschatz am Tisch anwesende, der Dahlener Ralph Mothes, hatte es sich zu diesem späten Zeitpunkt der Diskussion auf seinem Stuhl gemütlich gemacht und betrieb intensiv Augenpflege. Als er hörte, dass der Raum Oschatz abgehangen werden sollte, war er prompt hellwach und brachte sich augenblicklich ein: „Und was wird aus uns?“, fragte er in die fröhliche Runde. „Ihr Oschatzer könnt Euch dem Muldental oder Meißen zusammenschließen!“,  frotzelten seine Schiedsrichter-Kollegen. Dahingehend waren sich die Anwesenden einig. Mothes übermannte die Müdigkeit und er gab ohne Widerrede auf. Doch ehe er seine Augen weiter pflegte, polterte er lautstark: „Dann macht doch mit Eurem Schaluppa, was ihr wollt!“

Den Namen des damaligen Landrates Michael Czupalla derart zu verunstalten, sorgte für schallendes Gelächter - und fortan hatte der Landrat in allen Beratungen in Schiedsrichterkreisen seinen Spitznamen weg. 

Sage und schreibe 16 Jahre dauerte es dann, ehe der damalige Landrat Czupalla zur Gründungsveranstaltung des Norddeutschen Fußballverbandes am 4. Juni 2010 als Ehrengast nach Torgau eingeladen wurde. Fast alle, der im Jahr 1994 in der Sportschule Leipzig dazumal anwesenden Sportfreunde, wurden in den Vorstand des neuen gemeinsamen Nordsächsischen Fußballverband gewählt. Und die Oschatzer wurden nicht abgestoßen, sondern wurden genauso herzlich begrüßt, wie die Sportfreunde aus den anderen Altkreisen. Einer von ihnen wurde sogar zum Geschäftsführer berufen - Ralph Mothes. Er war besonders aufgeregt und meinte schon Wochen vorher „Hoffentlich verspreche ich mich nicht, wenn der Landrat kommt und ich ihn begrüße begrüßen muss.“ Doch alle Konzentration half nicht. Der Name Schaluppa hatte sich bei Ralph Mothes inzwischen so tief eingebrannt, dass Mothes den obersten Dienstherren des Landkreises Nordsachsen freundlich und bestimmend mit einem „Schaluppa“ begrüßte. Das Gejohle war entsprechend groß. Nur Landrat Czupalla wusste just in diesem Moment nicht, was die „Aufruhr“ zu bedeuten hat. Erst Stunden später, beim geselligen Bier, gab es für ihn die Auflösung.

Dass die Schiedsrichter Nordsachsens damals so viel Weitsicht hatten und schon 1994 wussten, dass es den Kreis Nordsachsen einmal geben wird, hat ihn so stark beeindruckt, dass er sofort eine Runde Freibier schmiss.


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