Samstag, 8. Mai 2021
Dienstag, 4. Mai 2021

"Fußball ohne Fans ist nichts"

Von unserem Redakteur Henrick Landschreiber

Beim Sachsenpokal-Schlagerspiel Chemie Leipzig - FSV Zwickau live im Satdion. Eine Nachbetrachtung zum Spiel und ein Bericht des Erlebten.

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Fußball. Am 1. Mai wurde im Alfred-Kunze-Sportpark (AKS) in Leipzig-Leutzsch, Heimstatt der BSG Chemie Leipzig, das Viertelfinale im Sachsenpokal zwischen dem Dritten der abgebrochenen Regionalligasaison Chemie Leipzig und dem Drittligisten FSV Zwickau ausgetragen. Mit einer knappen 0:1-Niederlage schied der personell angeschlagene Regionalligist – fehlten mit Mvibudulu, Petracek und Kirstein drei Offensivspieler – gegen einen voll im Saft stehenden Drittligisten nach einer sechsmonatigen Zwangspause ohne Pflichtspiel erhobenen Hauptes aus dem laufenden Sachsenpokal-Wettbewerb aus. Zur Erinnerung. Das letzte Punktspiel in der Regionalliga gewannen die Chemiker am 1. November 2020 mit 2:0 gegen den Chemnitzer FC. Dann kam der Wellenbrecher-Lockdown. Lediglich mit Trainingseinheiten und Testspielen durften sich die Leutzscher fit für das Viertelfinale halten, was die Trainer und Spieler schon als großes Privileg ansahen. Für mich war es ein komisches Gefühl, als ich die Akkreditierung in den Händen hielt. Eigentlich lehne ich „Geisterspiele“ ab – schaue auch im Fernsehen seit dem Beginn von Corona kein Fußballspiel mehr. Fußballspiele ohne Fans sind Spiele ohne Seele, verkommen zu freundschaftlichen Vergleichen – es fehlen die Emotionen, das Drumherum, die Spannung, der Torjubel, die Gemeinschaft. Im Fall meines Herzensvereins drückte ich ein Auge zu, brach meine selbst auferlegte Regel und dachte – es wird schon gehen, irgendwie. Ich bin ehrlich: Ich hatte Entzugserscheinungen, wollte wieder ein Spiel der Chemiker live sehen, und es stellte sich sogar so etwas wie Vorfreude ein. Je näher ich dem AKS kam, umso mulmiger wurde mir. Die Vorschriften, die mit der Akkreditierung einhergingen, waren streng, aber notwendig. Nur auf dem zugewiesenen Platz aufhalten, überall Maske tragen, keine Zwickauer Spieler fotografieren und interviewen. Der AKS glich einem Hochsicherheitstrakt, Wege waren gesperrt, Ordner kontrollierten peinlich genau, ob man Einlass ins Stadion erhält oder nicht. Am Dammsitz und Norddamm, wo sonst die Ultras den Takt angeben, hingen zwei Riesenbanner. „Chemie Leipzig heißt unzähmbarer Kampfgeist – Auf zum Sieg!“ und „Die Amateure abgespeist. Die Kugeln gezinkt. Eine Show für‘s TV – Das ist der SFV“ stand dort zulesen. Letzteres Banner war eine Anspielung auf das Gebahren des Sächsischen Fußball-Verbandes in Sachen Pokalwettbewerb, aber dazu später mehr. Nachdem ich meinen Platz eingenommen hatte, konnte ich mich umschauen: Die Mannschaften machten sich warm. Die Musik dröhnte aus den Boxen – eigentlich alles wie immer. Eigentlich. Natürlich fehlten die Zuschauer, die den AKS in einen Hexenkessel verwandelt hätten. Aber in Zeiten von Corona dominiert der Konjunktiv – hätte, wenn und aber. Schräg vor mir an der Seitenlinie sprang Chemie-Trainer Miro Jagatic wie ein Derwisch auf und ab, kommentierte jede Szene lautstark – ich kenne jetzt alle Spitznamen der Chemie-Spieler. Vom Dach der nahen Turnhalle, vom Haupteingang und aus dem Leutzscher Holz ertönten „Chemie Leipzig“-Rufe. Ein paar Unentwegte wollten der Mannschaft so nahe sein, wie es eben ging. In der Halbzeit begab ich mich in den Familienblock, wo ich Menne, Capo der Ultras ausgemacht hatte. Er war Kurator der Ausstellung „IM FLUTLICHT – Historische Fotografien und zeitgenössische Kunst“ im Museum der bildenden Künste Leipzig, welche am vergangenen Sonntag geschlossen wurde. Mit ihm unterhalte ich mich über die aktuellen Zeiten im Allgemeinen und den Fußball im Speziellen. Wir sind schnell auf einem Nenner. „Im Zusammenhang mit Corona habe ich zuletzt ein Wort gelernt – mütend. (Mischung aus müde und wütend, Anm. d. Red.). Es ist ein ständiges Auf und Ab zwischen schlechtem politischen Management, sozialen Bedürfnissen und individuellen Entscheidungen“, erklärt Menne. Und auf das Banner in Richtung SFV angesprochen, sagt er wissend und lächelnd: „Die Art und Weise wie der Verband mit den Amateurvereinen verfahren ist, wie sie mit einer kleinen Summe Geldes abgespeist wurden, spottet jeder Beschreibung. Dazu dieses unsägliche Auslosungs-Prozedere – nur um ein sächsisches Endspiel zum Finaltag der Amateure am 29. Mai in der ARD präsentieren zu können. Der diesjährige Pokalsieger hätte voll und ganz ausgelost werden müssen. Das wäre für alle Mannschaften gleich ungerecht gewesen.“ Ich nicke zustimmend. Wo war bei der Entscheidung des Verbandes der Gleichberechtigungsgedanke für die Amateurvereine? Warum landeten nur die Drittligisten Dynamo Dresden und FSV Zwickau, die voll im Meisterschaftsgeschehen in Liga drei stehen sowie die Regionalligisten Chemie Leipzig, Chemnitzer FC, VfB Auerbach, 1. FC Lok Leipzig und Bischofswerdaer FV im Lostopf? Warum kam erneut die Paarung Chemie Leipzig – Zwickau, die schon im Achtelfinale ausgelost wurde, zustande? Wer sich das Video von der Auslosung anschaut, wird den Verdacht nicht los, dass etwas „nachgeholfen“ wurde. Fragen über Fragen, worauf es keine Antwort mehr geben wird. Für mich bleibt zum Schluss eine Erkenntnis: Fußball ohne Fans ist nichts. Auf bessere Zeiten! Irgendwann …  

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