Samstag, 25. September 2021
Donnerstag, 9. September 2021

Natur- und Klimaschutz? - Ja, aber nicht um jeden Preis!

Uta StrengerFoto: Kristin Engel

Von unserer Redakteurin Julia Sachse

Nordsachsen. Fachinformatikerin Uta Strenger kandidiert im Wahlkreis für die ÖDP und fordert weitaus mehr als nur „Rettet die Bienen!“ 

Facebook Twitter WhatsApp Mail Drucken

Nordsachsen. Fachinformatikerin Uta Strenger kandidiert im Wahlkreis für die ÖDP und fordert weitaus mehr als nur „Rettet die Bienen!“ Der Wahlkampf zur Bundestagswahl hat begonnen. 12 Bewerber wollen per Direktmandat von Nordsachsen aus in den Bundestag nach Berlin. Die TZ stellt Ihnen die einzelnen Kandidaten in einer Serie vor. 

Uta Strenger aus Dahlenberg ist Fachinformatikerin an der Universität Leipzig, Mutter einer Tochter und saniert in ihrer Freizeit gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten ein über 100 Jahre altes Haus. Seit zwei Jahren engagiert sie sich auch politisch – den Ausschlag gab seinerzeit die Diskussion um Bebauungspläne für den Leipziger Wilhelm-Leuschner-Platz. Diese sahen vor, die jahrzehntelang gewachsenen Hecken und Dickichte zu entfernen, in denen nachgewiesenermaßen zahlreiche Tierarten leben, denen diese Pläne ihren Lebensraum absprachen.

Der ausschlaggebende Punkt

„Dieses Projekt und die zahlreichen Aktionen verschiedener Tier- und Naturschutzgruppen hat mich zum ersten Mal, aufgrund der Nähe zu meinem Arbeitsplatz, direkt tangiert. Einige Zeit zuvor hatte ich schon beeindruckt verfolgt, wie ein Volksbegehren in Bayern zum Schutz der Insekten, symbolisch oft mit dem Slogan ,Rettet die Bienen!’ betitelt, Erfolg hatte. Und das, so dachte ich mir, müsste man hier in Sachsen doch auch versuchen können“, erinnert sie sich.

Die zierliche 55-Jährige setzte sich an den PC und formulierte eine erste eigene Petition („Rettet die Bienen in Sachsen“), erhielt große Resonanz aus der Bevölkerung und arbeitete nach und nach Tipps sich bei ihr meldender und von ihr kontaktierter Gleichgesinnter aus Wissenschaft und Forschung sowie von Organisationen ein, die bereits Erfahrungen mit ähnlichen Anliegen gemacht hatten. „Gott sei Dank! Im Nachhinein hätten wir mit meiner ersten Fassung wahrscheinlich nicht viel erreicht. So aber sind die darin formulierten Forderungen zum Insektenschutz in wesentlichen Teilen bis in den Koalitionsvertrag der Landesregierung gelangt. Das ist ein Erfolg, auf dem man aufbauen kann und muss. Schließlich geht es beim Erhalt und der Schaffung natürlicher Lebensräume nicht nur um den Schutz von bedrohten Tierarten, sondern um aktiven Klimaschutz in Stadt und Land.“

Von passiv zu aktiv

Im Vorfeld der Bundestagswahl kam dann die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) auf sie zu. Die Frage, ob sie sich vorstellen könne, Kommunalpolitik mitzugestalten, hatte sie bis dato immer abgelehnt, weil sie die Parteizugehörigkeit auch als Einschränkung in puncto persönlicher Handlungs- und Entscheidungsfreiheit ansah. „Mit den Grünen zum Beispiel konnte man im Rahmen von gemeinsamen Aktionen ,an der Front’, also bei Kundgebungen und Demonstrationen, Mahnwachen, bestens zusammenarbeiten. Aber was sie im Leipziger Stadtrat dann abstimmten, stand zum Teil im krassen Gegensatz dazu. Diesen Bruch zwischen Draußen und Drinnen habe ich nie verstanden und ich könnte ihn mit mir selbst nicht vereinbaren. Darum habe ich in Gremien und Arbeitsgruppen immer gern frei unterstützt, mit Leidenschaft meine Anliegen vertreten und mit meinem Netzwerk zu führenden Biologen und verschiedenen Naturschutzorganisationen genau da Druck zu machen versucht, wo er wirksam werden konnte – überparteilich.“

Ideal mit Hindernissen

Die ÖDP allerdings decke sich in ihrem Wahlprogramm sehr umfassend mit Uta Strengers eigener Vorstellung von einem ganzheitlichen Herangehen an umweltpolitische Fragestellungen. Wovon soll ein Geringverdiener denn ein E-Auto bezahlen, wenn die Steuern und die Energiepreise steigen, gleichzeitig aber das Lohnniveau im Osten immer noch unterirdisch im Vergleich zum Westlohn ist? Nicht nur das fragt sich „die Öko-Tante“ selbst auch. Dass ihre geplante Solaranlage noch nicht auf dem Dach installiert wurde, liegt an den hohen Anschaffungskosten und daran, dass die Förderprogramme ausgeschöpft sind. Es heißt gerade: warten und weiter recherchieren, bis wieder eine Finanzierungsmöglichkeit in Sicht ist. Für die einfache Bevölkerung ist Klimaschutz ein Ideal, dass sie nicht um jeden Preis umsetzen kann, so lange die Voraussetzungen nicht geschaffen wurden. Mit dieser Einstellung nennt sie sich selbst manchmal einen realistischen Öko-Hippie.

Vom Bürger her gedacht

Uta Strenger ist im Westen geboren und vor einigen Jahren mit ihrer Tochter hierher gekommen. Als sie Jobangebote sichtete, wurde ihr beim Blick aufs voraussichtliche Gehalt fast schwindelig. „Eines der großen Probleme, das bisher unterschätzt wurde, ist: Wir aus’m Westen wissen gar nicht genau, wie prekär diese Unterschiede innerhalb Deutschlands wirklich sind. Für uns hat sich mit dem Mauerfall nicht wirklich viel verändert, es war vielen bisher egal und deshalb sind sie auch nicht für den Osten eingetreten. Ich lebe so unfassbar gern hier und habe mich auch aus umweltideologischen Gründen reduziert, sodass ich von dem, was ich hier habe, auch gut leben kann. Für Familien mit Kindern oder Alleinerziehende mit wenig Geld sieht das aber ganz anders aus. Damit diese Menschen dennoch einen Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft leisten können, müssen ihre Probleme von Anfang an mitgedacht werden.“

Persönlich betroffen

Sie weiß, wovon sie spricht. Als junge Frau arbeitete sie in einer Fabrik am Fließband, montierte Sanitärarmaturen. Informatik lernte sie auf dem zweiten Bildungsweg, um einen zukunftssicheren Job zu finden. Nachdem ihr Mann früh verstarb, zog Uta Strenger ihre Tochter jahrelang allein groß, ist innerhalb der Bundesrepublik oft mit ihr umgezogen, kennt auch regionale Unterschiede der Mentalitäten und Problemfelder im sozialen Miteinander. Sachsen, so sagt sie, hat unbestritten ein Problem mit starken neonationalistischen Gruppierungen und geht zu wenig gegen jene in die Offensive. Ähnliche Verhältnisse gebe es auch im Ruhrpott, so Strenger. Nur sehe man das nicht so oft in den Nachrichten. „Dass die linksautonome Szene beispielsweise in Leipzig so radikal auftritt, ist eine Reaktion darauf, dass die Politik, der Rechtsstaat, viel zu lange zu wenig restriktiv dagegen vorgegangen ist. Die Gewalt der Antifa ist keine Lösung – aber ihre Ursachen müssen endlich offen thematisiert und die Demokratie nachdrücklicher geschützt werden.“ Nur so, davon ist Uta Strenger überzeugt, hätten die heutzutage brennenden Themen auch wirklich eine Chance, an der richtigen Stelle vorgebracht und mit entsprechenden Maßnahmen bearbeitet werden zu können.

Zwei Pläne

Wenn es mit dem Bundestag klappen würde, wie stellt sie sich dann den Arbeitsalltag vor? Plan A ist, ihren Teilzeitjob mit dem Sitzungsplan zu koordinieren. Plan B die Aufgabe der IT-Stelle in Leipzig zugunsten der vollen Aufmerksamkeit für die Politik in Berlin. Klappt es nicht, bleibt sie dem regionalen Artenschutz in vollem Umfang erhalten – und hat eigentlich Kapazitäten für ein Amt in ihrer Wahlheimat Trossin/Dahlenberg. „Nein, ganz ehrlich: Hier ist alles gut. Man belächelt manchmal meine gescheiterten Blühwiesenprojekte im eigenen Garten oder dass ich Schnecken lieber absammle und umsiedle, statt sie in Salz zu werfen. Aber dieselben Leute haben mich, als ich krank war, auch schon bekocht und helfen gern, wenn Not am Mann ist. Hier ist es sauber und man kann miteinander reden. Außerdem sind wir mittendrin in einer noch wunderbar naturbelassenen Gegend. Hier muss ich mich nicht einmischen“, schließt sie mit einem Lächeln.

 

Sie interessieren sich für das Neueste aus Torgau und der Region? Dann bestellen Sie den Newsletter "Darüber wird morgen gesprochen"! Der kommt jeden Abend per E-Mail und bringt die wichtigsten Themen des nächsten Tages mit. >> Hier können Sie ihn bestellen.


Jetzt kostenlos anmelden

Das könnte Sie auch interessieren

 

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de
 

Aktuelle Bildergalerien


Wir-packens-an

Giroflex3

Mountainbikemagazin

Torgau Druck

AKTIONEN

Newsletter

Probeabo

Riesenmagazin

Oschatz-Magazin

Azubi-Expo-Digital

Festtagszeitung

TZ-Probelesen

Wirtschaftsmagazin

Torgau-Plus

INFOS & EMPFEHLUNGEN

laga